Wir brauchen ein #zukunftscurriculum

Was haben wir im vergangenen Jahr über unser Bildungssystem gelernt?

Es ist noch nicht wirklich digital-fähig.

Es ist föderal – mit allen Vor- und Nachteilen.

Und vor allem: es ist alt. Sehr alt.

Weltweit genießt unser Bildungssystem einen guten Ruf. Wir entlassen Jahr für Jahr viele gut ausgebildete Menschen aus Schule, Ausbildungsbetrieb und Hochschule. Wer sich nun auf ein Bashing des Bildungssystems freut, ist hier fehl am Platze. 

Aber dieser Artikel ist ein Ruf. Ein fast schon verzweifelter Weckruf danach, dass wir endlich aufwachen und ankommen in der Welt von heute. Eine Welt, in der wir etwas anderes benötigen als Curricula, die jetzt statt analog nun digital um- und durchgesetzt werden. Eine Welt, in der wir ein #zukunftscurriculum brauchen.

Ich kann es nur skizzieren. Es ist nicht fertig. Es ist noch nicht einmal begonnen. Aber ich bin überzeugt davon, dass wir es brauchen. Jetzt.

Das #zukunftscurriculum entsteht aus zwei Aktivitäten: Es beginnt erstens damit, Sinn und Zweck von Bildung einmal tief zu hinterfragen und neu zu denken. Das bedeutet, dass wir uns darauf besinnen, was Schule heute und morgen leisten soll – statt um jeden Preis an dem festzuhalten, was sie bislang geleistet hat. Und es geht zweitens darum, Wissenserwerb vollkommen neu zu denken.

Teile dieses #zukunftscurriculums werden Elemente dessen enthalten, was wir schon haben. Denn vieles ist gut. Spannend wird es, wenn wir das Bewährte mit Neuem zu etwas viel Besserem verknüpfen.

Dieser Text entwirft ein Bild, eine erste Idee. Er ist subjektiv, nicht-wissenschaftlich und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Er ist Ausdruck meines tiefen Wunsches, eine Diskussion in Gang zu setzen, die am Ende das #zukunftscurriculum entstehen lässt. Alles, was ich im Folgenden dazu ausführe, bezieht sich im Wesentlichen auf Schule. Ich vermute jedoch, dass einiges auch für andere Lernorte gilt.

Mir geht es vor allem um das Neue und Künftige. Dass ich dieses zu entwickeln für notwendig halte, ergibt sich aus vielen Beispielen und Erfahrungen der vergangenen Jahre. Da ist der Mittelstufenkoordinator, dem ich etwas über hybrides Lernen erzählen soll und der das Gespräch mit den Worten eröffnet „Ich habe zuhause gar keinen Computer. Ich wüsste auch nicht, wofür.“ Da sind die Lehrer*innen, die ich für die Begleitung von Schüler*innen im Rahmen des FREI-DAY coache, deren größte Sorge die fehlende Bewertungsmöglichkeit ist. Und die unbedingt vor Beginn der Projektarbeit allen Schüler*innen zeigen wollen, wie man richtig mit Google recherchiert. Weil diese sonst vielleicht Fehler machen und „scheitern“ könnten. Da ist die Schülerpraktikantin, die nach einer Woche in unserer Firma, in der ich sie für ein Projekt zur Vermeidung von Umweltrisiken durch Altlasten habe recherchieren lassen, voller Begeisterung sagt: „Das ist so klasse, endlich mal was zu machen, was auch gebraucht wird“. Und die danach noch weniger Lust auf Schule hat als vorher.

Diese kurzen Beispiele illustrieren einige der wesentlichen Probleme unseres derzeitigen Bildungssystems. Ich sage dies wohlwissend, dass es viele Fälle gibt, in denen Lehrer*innen oder gar ganze Schulen andere Wege gehen. Es ist wohl eine Ironie des Schicksals, dass die Erfolgsstories von Schulen wie der Alemannenschule in Wutöschingen oder der ESBZ in Berlin, in den entsprechenden Diskussionen immer mit leuchten Augen zum Besten gegeben werden, aber offenbar niemand auf die Idee kommt, daraus einen Handlungsbedarf für das gesamte Schulsystem abzuleiten. Diese Schulen fahren einen radikal anderen Ansatz, der u.a. Schüler*innen einen ganz anderen Platz und eine andere Verantwortung für ihr eigenes Lernen und Entwickeln einräumt. Dennoch bewegen sie sich innerhalb unseres Schulsystems, es sind „Regelschulen.“ Gleichwohl ist in Gesprächen mit Lehrer*innen anderer Schulen immer wieder zu hören: „jaja, aber an unserer Schule geht das nicht. Wir können ja nicht einfach….“.

Im Kern – und sehr, sehr pointiert ausgedrückt – ist meine Einschätzung:

  • Unser Bildungssystem basiert auf einem Bild, das zwischen Wissenden und Nichtwissenden unterscheidet. Hier die/der Lehrer*in, dort die Schüler*innen. Es geht darum, möglichst viel Wissen aus dem Kopf des einen in die Köpfe der anderen zu transportieren. Und dieses Bild wird bis heute durch die universitäre Ausbildung von Lehrer*innen gefestigt.
  • Die intrinsische Motivation derjenigen, die Lernen sollen, spielt bis heute nur eine untergeordnete Rolle bei der Erarbeitung von Lehrmaterialien und -methoden. Und dies ist nur ein Ausdruck der völligen Ignoranz der Bildungspolitik gegenüber Erkenntnissen bspw. moderner Hirnforschung, wie sie u.a. von Gerald Hüther immer wieder in die Diskussion gebracht werden.
  • Der Satz „Nicht für die Schule, fürs Leben lernen wir“ verstellt den Blick darauf, dass das Lernen fürs Leben nur noch unzureichend funktioniert.
  • Die Bewertung der „Leistungen“ der Schüler*innen ist eines der größten Hindernisse für deren freie Entfaltung als Menschen und Persönlichkeiten.
  • Trotz der Tatsache, dass alles Wissen, was wir in bis zu 13 Schuljahren aufzunehmen imstande sind, nicht mal ein Promille des verfügbaren Weltwissens darstellt, sind Diskussionen über Schule in Covid-Zeiten immer noch davon geprägt, wie viel Stoff verpasst wird – und unser Schulsystem hält an Anforderungen fest, die zu bulimischem Lernen führen: Alles in sich reinfressen, um es im Rahmen von Klausuren und Prüfungen wieder auszukotzen.

Was also ist das #zukunftscurriculum?

Ohne zu weit ausholen zu wollen: Wir haben einige Herausforderungen als Menschen und Menschheit vor uns: Erstens müssen wir eine Antwort finden auf Phänomene wie den Klimawandel und den Verlust an Biodiversität, auf Migrationsbewegungen und ihre Ursachen, auf abnehmende Solidarität, das Auseinanderdriften von gesellschaftlichen Gruppen, die abnehmende Fähigkeit zum Diskurs, an deren Stelle like/unlike/entfreunden tritt, das Verschwinden von alten und das Auftreten von neuen Berufsbildern und die Geschwindigkeit des Wandels, um nur ein paar zu nennen.

Zweitens: Selbst, wenn wir die globalen Herausforderungen mal weglassen, können wir festhalten, dass sich unsere Arbeitswelt in atemberaubender Geschwindigkeit wandelt. Corona hat das noch beschleunigt, aber der Trend zu neuen Arbeitsformen, das Hinterfragen von Sinnhaftigkeit des eigenen Jobs, die Segnungen und Flüche von Technologie – all das war auch vorher schon da, und es führt zu Umwälzungen. Auch hier könnte die Liste beliebig fortgesetzt werden.

Aus diesen beiden Aspekten – Arbeitswelt als solche und globale Herausforderungen – ergeben sich zwangsläufig Anforderungen an uns Menschen, die wir die Arbeitswelt und damit die Welt gestalten. Wenn wir heute darüber nachdenken, was wir Schüler*innen vermitteln sollten, dann müssen wir uns klar machen, welche Welt sie vorfinden, wenn sie die Schule verlassen. Damit wir dann darüber sprechen können, was sie in dieser Welt brauchen. Dies ist eine Aufgabe des #zukunftscurriculums.

Insgesamt glaube ich, dass wir Schüler*innen befähigen müssen, sich in dieser komplexen Welt zurechtzufinden. Damit dies möglich ist, wäre es hilfreich, Selbstreflektion, Empathie und Resilienz zu stärken. Die Bereitschaft immer wieder Neues zu lernen, zu fördern. Die Fähigkeit, sich auf verändernde Bedingungen einzustellen, zu gestalten und sich einen optimistischen Blick auf die Welt zu bewahren, zu entwickeln. Vor allem anderen geht es darum, Lernen zu lernen.

Ein wenig detaillierter würde ich sagen, dass wir uns auf drei Dinge konzentrieren sollten: Werte, Ziele und Methoden.

Werte

Ich glaube, dass Toleranz, Solidarität, Empathie, vernetztes Denken und Sinn wichtige Eckpfeiler des #zukunftscurriculums sein sollten.

Die ersten drei sind soziale Werte. Wer sie verinnerlicht hat und lebt, ist in der Lage, Verantwortung zu übernehmen, auch wenn es ihr/ihm persönlich keinen Vorteil bringt. Sie oder er ist in der Lage, abseits rein wirtschaftlicher Überlegungen Entwicklungen anzustoßen. Oder nachempfinden zu können, was die radikalen Veränderungen in der Arbeitswelt für einzelne Menschen bedeuten, wie sie sich fühlen, und was sie benötigen, um mit dem Wandel umgehen zu können.

Sinn setzt alles in Wert. Sinnerfülltes Handeln ist im Idealfall Ausdruck gesellschaftlich geteilter Werte und führt zu sinnstiftendem Handeln, z.B. zur Verknüpfung von wirtschaftlichem Nutzen mit nachhaltiger Ressourcennutzung.

Vernetztes Denken ermöglicht es, Sinnzusammenhänge zu erkennen, Dinge in Beziehung zu setzen, und abseits der aktuellen Situation oder des persönlichen Bedürfnisses über Sachverhalte zu diskutieren.

Vielleicht sind es auch andere Werte, um die es im #zukunftscurriculum geht. Auch hier gilt: Wir sollten das diskutieren.

Ziele

Wir sollten uns dann anschauen, was denn das Ziel einer (schulischen Aus-)Bildung ist. Was den Wissenserwerb angeht, wird sich viel von dem wiederfinden, was auch heute schon in den Curricula steht. Auch hier sollten wir uns die Freiheit nehmen, neu zu denken. Ganz intensiv sollten wir auf jeden Fall die Kompetenzen diskutieren. Dies sind aus meiner Sicht zum Beispiel die, für die man die o.g. Werte braucht, zum Beispiel: echte Zusammenarbeit, also die Fähigkeit, in einem Team von Menschen, egal ob physisch zusammen oder getrennt, ein Ergebnis zu erzielen, das mehr ist als die Summe aus vielen Einzelbeiträgen. Kollektive Intelligenz entstehen lassen und erkennen, wenn sie auftritt bzw. sich Bahn brechen will. Das eigene Ego hintanstellen zugunsten eines gemeinsamen Ziels. Und vielleicht am allerwichtigsten: Lernen können. Es ist ja eine Binsenweisheit, dass Lernen heute lebenslang stattfindet. Damit es das tut, muss man wissen, wie das geht: bei Recherchen die Spreu vom Weizen trennen können, Informationen miteinander verknüpfen, Neues ausprobieren, durch Fehler lernen, Routinen entwickeln, kurz: sich Wissen aneignen.

Methoden

Wenn wir dann wissen, worauf wir unsere Kinder vorbereiten, was wir dabei erreichen wollen und welche Werte und Kompetenzen wir ihnen vermitteln wollen, müssen wir uns noch überlegen, wie das geschehen soll.

Hier können wir viel von guten Beispielen lernen: von den genannten Schulen (und weiteren), von Hirnforschern, von Schule im Aufbruch und dem FREI-Day und sicher noch von vielen und vielem mehr. Ganz wesentlich ist aus meiner Sicht, das Erleben immer vor das Erlenen zu setzen. Und am besten Lernen aus dem Erleben entstehen lassen. Nicht mehr vorgeben, was für diesen Tag zu lernen ist, sondern Probleme diskutieren und Lösungen suchen. Die Schüler*innen fragen, was sie bewegt. Und das Lernen um den Prozess herum organisieren. Vielleicht nicht jeden Tag. Aber auch nicht nur in der „Projektwoche“ einmal im Jahr.

Der Paradigmenwechsel weg vom Wissenden, der vermittelt, hin zu einer/einem Lernbegleiter*in, die/der unterstützt, ist wesentlich. Ich habe im Physikunterricht nicht vermocht, einen Motor theoretisch zu verstehen. Mein Sohn hat sich in der Pandemie ein Mofa gekauft, es zerlegt, abgebeizt, neu lackiert, den Motor in seine Einzelteile zerlegt und wieder zusammengesetzt und alles wieder zum Laufen gebracht. Er kann jetzt Flexen, Löten und Lackieren, demnächst auch noch Schweißen. Und er weiß, wie ein Motor funktioniert incl. Elektrik. „Gelernt“ hat er: durch Youtube-Videos, durch Kontakt zu Instagrammern, durch einen Nachbarn. Und durch Versuch und Irrtum.

Und dann?

Ich weiß es nicht. In meiner Vorstellung sehe ich Schulen, in denen jede „Lerneinheit“ – wenn es denn noch Lerneinheiten gibt – damit beginnt, dass die Schüler*innen an eine lebensweltliche Herausforderung herangeführt werden. Oder sie selbst sich mit etwas beschäftigen, dass sie interessiert. Dann organisieren sie sich in Gruppen, überlegen sich ein Ziel, fangen an, darauf hinzuarbeiten. Finden Dinge heraus, sprechen mit Menschen, machen Erfahrungen, „scheitern“, fangen neu an und sind irgendwann „fertig“. Was auch immer „fertig“ heißt.

Ich sehe Menschen aus Unternehmen und Verwaltungen, die in Schulen gehen und erzählen, was sie gerade bewegt. Welche Herausforderungen sie haben. Um Hilfe bitten. Ich sehe Stadtteile, in denen Schüler*innen aktiv und sichtbar werden.

Ich sehe analoge und digitale Selbstorganisation, agile Vorgehensweisen, Kanban-Boards, an denen der Arbeitsfortschritt dokumentiert wird und Schüler*innen, die in der Lage und bereit sind, die Ergebnisse ihres Tuns zu dokumentieren und darüber auch vor anderen frei zu sprechen.

Und alles könnte auch ganz anders aussehen, als ich es mir hier gerade ausmale. Es sind meine Erfahrungen, meine Gedanken, meine Perspektiven, die mich gerade dieses Bild entwerfen lassen. Viel wichtiger als die Frage, ob es das richtige ist, ist die Frage, wann wir endlich anfangen, gemeinsam als Gesellschaft darüber zu sprechen, wie unser #zukunftscurriculum aussehen soll.

Ein guter Tag wäre heute.

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